Und wenn ja, unter welchen Umständen?
Als die deutsche Commerzbank mitten in der Coronazeit Ihre Nachricht platziert, sie streiche weitere 10.000 Stellen, interessiert das ausser den Angestellten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, nur wenige. Es überrascht auch nicht. Viele junge Menschen haben überhaupt kein Konto bei stationären Banken. Und wenn, dann nutzen sie es ausschliesslich online. Auf Personal in den Filialen können sie daher verzichten. Für sie wird nichts besser oder schlechter. Banken und ihre Schalterhallen sehen sie eher als Relikte. Immer mehr Menschen fast allen Alters tätigen ihre Bankgeschäfte und Geldanlagen, vor allem Wertpapierkäufe, längst bei den kostengünstigeren Online-Banken und -Brokern. Zu dieser Entwicklung haben die stationären Banken durchaus opportunistisch selbst beigetragen: Sie haben ihre Kunden seit Jahren dazu gedrängt, die alltäglichen Bankgeschäfte, wie Überweisungen, online und Ein- und Auszahlungen am Bankautomaten zu tätigen.
Wie steht es um die Zukunft der stationären Banken? Wenn das sog. Massengeschäft fort ist, dann lautet die einfach klingende Aussage: Banken können ihre Existenzberechtigung nur bei Dienstleistungen mit einem Alleinstellungsmerkmal und ausreichenden Deckungsbeiträgen erhalten. Dies Aussage führt zur zentralen Frage: Wo ist das noch der Fall?
- Kreditversorgung von Unternehmen
Banken werden heute noch bei der Kreditversorgung von Unternehmen aller Grössenordnungen benötigt. Grossbanken haben nach wie vor eine faktische Alleinstellung im internationalen Kreditgeschäft und bei Krediten von ca. ab 20 Millionen €. Für kleinere Kreditvolumina sind in Deutschland vor allem die Sparkassen und Raiffeisenbanken da.
- Digitalisierung des Euro
Die Digitalisierung des Euro, so sieht es aktuell aus, ist beschlossene Sache. Digitale Zentralbankwährungen sind zentralisierte und personalisierte Blockchain-Währungen. Sie werden – aus dem Nichts – von den Zentralbanken erschaffen und sodann nach wirtschaftspolitischen Gesichtspunkten den ehemaligen Geschäftsbanken zugewiesen. Diese wiederum geben diese Digitalwährung weisungsgebunden an ihre Kunden heraus. Damit entfällt für alle Banken die existenzsichernde Möglichkeit, Gewinne durch eigene Kreditschöpfung – aus dem Nichts – zu erzielen. Die Banken werden nachgeordnete Erfüllungsgehilfen, montetäre Zapfstellen, der Zentralbanken. Sie werden ein Leben in völliger Abhängigkeit führen. Es ist auch zu vermuten, dass die Banken im Zuge dessen personell massiv schrumpfen müssen. Denn mit ein bisschen Kontoführungs- oder Automatengebühr liegen keine grossen Personalbestände mehr drin. oder.
- Kreditvergabe bei privaten Immobilienkäufen
Bei der Kreditvergabe für private Immobilienkäufe wird das Geschäft der stationären Banken schon heute durch die zahlreichen online Vergleichsportale erschwert, in denen die Konditionen aller verfügbaren kreditgebenden Banken transparent gemacht sind. Manche Bank wirbt sogar damit, ihren Kunden diesen Service selbst anzubieten. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das Kreditgeschäft der Immobilienwirtschaft, beginnend bei der Bauträgerfinanzierung, Zwischenfinanzierungen bis hin zur Endfinanzierung von Immobilien aller Grössenordnung, einschliesslich der institutionellen Investoren, über volldigitale Plattformen ablaufen kann. Das erhöht die Geschwindigkeit der Finanzierungszusagen und Kreditbewilligungen enorm. Es ermöglicht zudem Kapitalanlegern jeder Grössenordnung, als mittelbare Kreditgeber aufzutreten. Wie so etwas funktionieren kann, zeigen die bereits heute existierenden Plattformen, auch wenn sie die noch nicht das gesamte Spektrum der Finanzierung der Immobilienwirtschaft abbilden.
Aber eben, auch diese Sorte von Bankgeschäften wird künftig – mit digitalen Zentralbankwährungen – nicht oder kaum mehr ein originäres Geschäft der lokalen Banken sein. Die oben erwähnte Personalisierung der digitalen Euros erlaubt es, z. B. mittels Auf- oder Abschlägen vom Nominalwert, bestimmte Geschäfte oder Verwendungen des Geldes zu priorisieren oder erschweren. Denkbar ist auch eine Regelung derart, dass gewisse Geldtranchen für bestimmte Verwendungen blockiert sind. Oder bestimmte digitale Token können ausschliesslich in ganz bestimmten Geschäften ausgegeben werden, z. B. zur regionalen Wirtschaftsförderung. So ist auch klar, dass jedweder privater Konsumakt dem „Zentralorgan“ bekannt wird. Für notorisch kontrollgierige Politikdarsteller ist dergleichen unwiderstehlich – was genau der Grund ist, warum diese Entwicklung kaum aufhaltbar erscheint.
- Geldanlage
Bei der Geldanlage sind die kleineren regionalen Banken und auch die meisten Filialen von Grossbanken angesichts ihres Personals vor Ort schon heute überfordert. Investmentfonds werden gemeinhin für einfach und wirkungsvoll gehalten. Wenn man jedoch weiss, dass es heute mehr Investmentfonds gibt als an der Börse notierte Unternehmen, dann wird schnell klar, wie schwierig eine Auswahl wird. Wie sollte ein regionaler Bankberater auch nur die wichtigsten dieser mehr als 300.000 weltweit exisiterenden Investmentfonds und der vielen anderen Finanzprodukte überhaupt im Blick haben können. Zudem steigen die Zahlen und Art der Produkte und ihre Komplexität weiterhin exponentiell. Nicht erst die staatlich verordneten Ausgangsbeschränkungen und andere Freiheitseinschränkungen seit Covid 19 haben die Ersetzbarkeit zahlreicher persönlicher Kontakte gezeigt. Sogar ältere, noch an ihren regionalen Bankfilialen hängende Kunden waren zunehmend weniger bereit, auf einen Termin beim örtlichen Bankberater, zu warten. Wer berufstätig ist, findet auch nicht die Zeit, zu den üblichen Geschäftszeiten der Banken in die Filiale zu gehen. Wozu sollte sich ein Kunde weiterhin diese Mühe unterziehen, wenn Online-Banken mit Beratungsservice an 365 Tagen im Jahr, rund um die Uhr „geöffnet“ sind? Und neben den Online-Banken gibt es, ähnlich wie bei Hypotheken, heute für praktisch jedes Anlageprodukte hochprofessionelle Vergleichsportale; so gut, dass auch interessierte Laien zu guten Entscheidungen finden können.
Wenn wir uns dagegen den rasch wachsenden Markt der sog. Decentralised Finance (DeFi) ansehen, dann wird vollends klar, dass Banken, Kreditkartenunternehmen und sonstige Finanzdienstleister zwischen Hammer und Amboss gelandet sind. DeFi-Apps können heute schon praktisch jedes herkömmliche Finanzprodukt mittels intelligenter, elektronischer Verträge, sog. smart contracts, abbilden. Die Produktspanne reicht vom kommunen Sparprodukt über Aktien, Bonds bis zum komplexen Hedgefonds. Die Pointe ist: Diese sog. smart contracts arbeiten automatisch, Tag und Nacht. Menschliches Zutun ist, mit Ausnahme einiger hochintelligenter Programmierer, nicht mehr nötig.
Im DeFi-Markt ist zudem das Spiel von Angebot und Nachfrage noch perfekt in Gang. Heisst, es gibt echte Zinsen. Fünf, sechs, sieben, acht Prozent und mehr sind keine Seltenheit. Erzielbar werden solche Zinsen durch die extrem geringen Kosten dieser dezentralisierten Applikationen (dApps) verbunden mit sehr hohen Kapitalumschlaggeschwindigkeiten. Es ist auch möglich, sich den Zins in der „Währung“, dem Token selbst zahlen zu lassen. Dann erzielt man nicht nur den üblichen Zinseszinseffekt. Durch die Wertsteigerung des Zinstokens selbst schaltet der Zinseszinseffekt auf Turboschub.
- Verbraucherschutz bei Finanzprodukten
In der Europäischen Union hat sich seit Jahrzehnten die Krake des zum Teil überzogenen Verbraucherschutzes ausgebreitet. Von der Öffentlichkeit wurde dies in seiner Tragweite nicht erkannt. Und von den Bankenverbänden konnte es verhindert werden. Die Europäische Union hat, zum grossen Nachteil von Anbietern und Vermittlern, ihre schweren Tentakel längst und besonders auch auf das Segment der Finanzprodukte gelegt. Für die Anbieterseite und vor allem für die Banken war und ist dies sehr kostenintensiv. Man kommt mit Widerrufsrecht im Onlinehandel weithin zurecht. Im Bereich der Banken jedoch haben der Europäische Gerichtshof und die deutschen Zivilgerichte einen beträchtlichen Teil der früher erlaubten Gebühren für Bankdienstleistungen als z.T. mit EU-Recht und z.T. mit nationalem Recht unvereinbar erklärt. Wenn etwa für arbeitsaufwändige Kreditprüfungen keine Gebühren verlangt werden dürfen und zudem viele andere Gebühren von der Rechtsprechung untersagt oder höhenmässig begrenzt wurden, dann geraten bei immer grösseren Teilen des jeweiligen Bankgeschäfts Risiko und Ertrag ausser Verhältnis. Umso intensiver wirken sich Kreditausfälle und Schadensersatzprozesse aus.
Wenn wir uns nun wieder den Bereich DeFi ansehen, dann hängt hier der Himmel wieder voller Geigen. Im politschen Sinne gibt es keinen Verbraucherschutz. Damit fallen auch alle Kosten dafür weg, die der Kunde am Ende ohnehin selbst trägt in Form überhöhter Gebühren. Es wird der beste Verbraucherschutz, der denkbar ist – der Markt selbst. Schlechte Anbieter, sog. bad actors, werden im Cryptospace mit Lichtgeschwindigkeit bekannt und scheiden aus dem Markt aus. Der Anleger muss daher seinen Schutz selbst organisieren. Früher hiess dies: caveat emptor. Der Käufer trage Sorge zur Beschaffenheit der Ware. DYOR – do your own research ist das geflügelte Wort im Cryptospace. Und es funktioniert, sehr zum Verdruss der Staatskontrolleure.
- Haftungsrisiken
Bei der Anlageberatung und Vermittlung hat die Rechtsprechung vor allem in Deutschland in den letzten Jahrzehnten der Anbieterseite, also den Banken und sonstigen Finanzdienstleistern, immer höhere Anforderungen und Haftungsrisiken aufgebürdet. Viele Banken haben sich daher konsequent aus dem Vertrieb nicht weniger Anlageklassen mit früher hohen Vertriebsprovisionen, wie etwa Alternative Investmentfonds (früher geschlossene Fonds), zurückgezogen.
Dencentralised Finance kennt formal nur wenige Haftungsrisiken. Wie sollte das auch gehen bei dezentralen Systemen von smart contracts. Sie laufen ohne einen regulären Geschäftssitz, ohne CEO oder Mitarbeiter weitgehend selbständig. Hin und wieder greifen Börsenaufsichten einzelne Anbieter gleichwohl auf mit dem Vorwurf des Betruges oder des unerlaubten Vertriebes von Wertpapieren. Dann folgen gewisse Strafen, aber auf’s grosse Ganze gesehen, ist formal in dieser Hinsicht die Welt für DeFi noch ziemlich einfach. Der Markt allerdings, die Klugheit und Vorsicht der Vielen, ist ungleich härter und brutaler. Sog. Scams, Betrugstoken, auch shit coins genannt, werden, sobald sich Zweifel verbreiten zu Null aus dem Markt getrieben.
- Überregulierung
Die Regulierungswut der Verantwortlichen in der EU und in Deutschlands sowie die extensive Rechtsprechung im Bankenbereich sind ein weiterer Wettbewerbsnachteil für immer mehr stationäre Banken mit noch aktiven Beratungen. Einer bankenübergreifenden Daumenregel zufolge muss für jeden Kundenberater heute ein Compliance-Mitarbeiter beschäftigt werden. So massiv sind inzwischen die Risiken. Online-Banken haben es da einfacher. Sie beschränken sich auf die schriftliche (Online-)Abfrage der für den Verkauf bzw. die Vermittlung der Anlageprodukte gesetzlich vorgeschriebenen Fragen an ihre Kunden. Der Bankberater vor Ort hingegen kann Nachfragen zur anlegergerechten Beratung nicht abwehren; bei Anlagen via Internet gibt es sie nicht.
In der Welt der DiFi gibt es im Wesentlichen nur einen Sachverhalt, der nach heutiger Sachlage den Betreibern, sofern greifbar, gefährlich werden kann. Sobald ein Regulator, zu Recht oder nicht, den Eindruck gewinnt, dass es sich bei den Token um Wertpapiere handelt, werden juristische Klagen erhoben. Die Folge davon ist oft das Delisting des Tokens von den Crypto-Börsen. Hier kommt dann jedoch erneut einer der zentralen Aspekte der Blockchain-Technik zum Tragen: Blockchains sind dezentrale Systeme. Sie laufen auf tausenden weltweit verstreuten, zumeist privaten Computern. Der Regulator kann ausschliesslich die etablierten zentralisierten Börsen zu Delistings anhalten. Mittlerweile gibt es jedoch hunderte dezentralisierter Börsen, sog. decentralised exchanges (DEX). Dies sind wiederum vollautomatisch laufende Systeme auf der Grundlage der smart contracts. Ihnen kann man nicht einmal einen Brief schreiben. Was will ein Regulator da tun? Ein weiterer grosser Pluspunkt ist, dass DEX keine Kundenidentifikation (KYC) vornehmen müssen und können, zentrale Börsen wie Coinbase oder Binance oder eben Banken müssen sich damit lange und beschwerlich aufhalten. Und der Knüller: Bitcoin, die mit Abstand grösste dApp ist kein Wertpapier, sondern eine Ware, so die amerikanische Börsenaufsicht SEC.
- Nullzinspolitik
Die Nullzinspolitik der EZB zur Rettung faktisch bankrotter Staaten ist vor allem für die stationären Banken besonders belastend; denn sie sind erste Ansprechpartner für Kunden mit Girokonten, Sparbüchern und Festgeldern. Die den Geschäftsbanken von den Zentralbanken in Rechnung gestellten Negativzinsen müssen sie vor allem auf ihre besten Kunden, jene mit hohen Geldbeständen, überwälzen. Eine Flucht in Immobilien, die vermögende Kunden nicht selten grösstenteils direkt und ohne Kredit bezahlen, ist hier für viele Grossanleger das Mittel der Wahl. Von anderen sinnvollen Ausweichmöglichkeiten, z. B. von den Kryptowährungen und anderen alternativen Assets, profitieren stationäre Banken von ganz wenigen, nicht in Deutschland ansässigen Instituten abgesehen, überhaupt nicht. Die allermeisten haben es versäumt, rechtlich und wirtschaftlich eigenständige Plattformen zu schaffen. Es erinnert fatal an die Entwicklung der Kreditkarten; erst als die Pfründen verteilt waren, erkannten auf deutsche Banken, dass Kunden mit Plastikkarten statt mit den veralteten, volumenmässig begrenzten, garantierten Schecks bezahlen wollten; junge Menschen kennen solche gar nicht mehr.
Die Frage nach den Kostenstrukturen
Online-Banken, Zahlungdienstleister wie Visa oder Paypal und Akteure aus dem DeFi-Bereich haben weite Bereiche des traditionellen Bankgeschäfts erobert. Der sog. Total Value Locked, also Assets under Managment, hat sich im DeFi-Bereich innerhalb von zwölf Monaten vervierfacht, von 10 Mrd. $ auf über deutlich über 40 Mrd. $. Dieses Tempo wird sich erhöhen. In drei bis vier Jahren könnte die Billiarde überschritten sein. Die grössten Schweizer Banken wären dann etwa gleich gross, nur, dass sie für dieses Volumen mehr als 130 Jahre gebraucht haben. Der Wert des Zahlungs- und Wertspeicherungssystems Bitcoin ist schon heute grösser, als die drei grössten amerikanischen Banken kombiniert!
Können, so muss man fragen, die herkömmlichen Banken mit den für sie verbliebenen Geschäftsbereichen und Kundengruppen weiterhin kostenintensives, stationäres Geschäft aufrechterhalten? Mit hohen Mieten oder, auch bei eigenen Gebäuden, mit hohen Unterhalts- und Betriebskosten, mit begrenzten Öffnungszeiten und hohen Personalkosten. Der seit Jahren von den Grossbanken beschrittene, aus ihrer Sicht unvermeidbare Weg durch Ausdünnen der Filialnetze, durch Zentralisierung und Kostenabbau zu überleben, ist u. E., besonders im Lichte der Decentralised Finance ein Weg die Todesspirale hinab. Werden immer mehr Kunden für immer mehr Leistungen auf den Online-Weg und damit zum Do-it-yourself-Banking gedrängt, kommen sie immer weniger in die Filialen. Schon vor vielen Jahren hat die Umfrage eine der großen deutschen Sparkassen in einer Metropolregion das erschütternde Ergebnis an den Tag gebracht: durchschnittlich besucht ein Kunde einmal pro Jahr eine der zahlreichen Filialen. Geldautomaten gibt es flächendeckend. Selbst der Unternehmerkunde, der einen Kredit oder eine andere Finanzdienstleistung benötigt, kann sich den Weg in die Filiale ersparen, wenn der Entscheidungsträger ohnehin nicht mehr vor Ort sitzt. Seitenlange Formulare und Selbstauskünfte mit entsprechenden Nachweisen kann er bequemer Zuhause mit dem PC ausfüllen. Zweigstellenleiter haben zudem immer weniger eigene Entscheidungskompetenz und immer mehr Furcht vor Fehlentscheidungen mit dem drohenden Verlust des Arbeitsplatzes. Den souverän und auch aufgrund seiner persönlichen Einschätzung entscheidenden Bankdirektor vor Ort gibt es längst nicht mehr.
Wenn man bei so mancher Grossbank nicht einmal mehr als Geschäftskunde direkten, telefonischen Kontakt zu seinem Berater bekommt, sondern sich zu ihm in langen, telefonischen Warteschleifen anstellen muss, wird auch diese Klientel bald wegfallen. Damit fällt dann auch der kleine Unternehmer und Freiberufler von heute als guter Kapitalanleger von morgen weg. Wer das erste Girokonto im Internet eröffnet, ist für die stationären Geschäftsbanken verloren. Mit einem späteren Millionenvermögen aus Arbeit oder Erbschaft geht ein solcher Kunde lieber zu einer spezialisierten, elitären Privatbank. Solche müssen bei entsprechender Qualität und Grösse ihrer professionellen Vermögensverwalter nicht um ihre Existenzberechtigung fürchten. Die guten unter den Privatbanken bieten inzwischen auch brauchbare Lösungen im Cryptobereich an. In Deutschland hat ein Prozent der Bevölkerung ein liquides Vermögen von mehr als zwei Millionen. In der Schweiz sind es zwei Prozent. Es ist klar, dass Grossbanken und Sparkassen davon nicht werden leben können.
Der Vergleich mit dem Sterben stationärer Unternehmen anderer Branchen
Trotz aller Unterschiede bietet sich ein vergleichender Blick auf das Geschäftsmodell z.B. der früheren Videotheken an. Um einen Spielfilm zu Hause anzuschauen, entliehen Kunden früher Videokassetten und später DVDs aus den zahlreichen lokalen Videotheken. Das war billiger als der Kauf. Dann kam das Streaming via Internet. Netflix und andere Anbieter hatten eine einfache Botschaft: Wir ersparen dem Kunden den Weg in die Videothek, unsere Filme sind Tag und Nacht verfügbar. Heute existieren ein paar Videotheken noch als Museen. Auch den Kauf von CDs ersparen sich viele, vor allem jüngere Kunden durch bezahltes Streaming bei Netflix und anderen. Moderne Autos verfügen zum Teil nicht einmal mehr über Abspielgeräte für CDs.
Auch diese Entwicklung zeigt: Das Internet erspart dem Anbieter das Unterhalten kostenintensiver Shops in teuren Innenstadtlagen mit hohen Personalkosten. Ein Anbieter kann sich in jedem Land, das ihm die gute wirtschaftlichen und steuerlichen Konditionen bietet und dort in Orten mit billigen Büromieten ansiedeln. Die Kunden können auf die Fahrt in die verkehrsüberfüllten Innenstädte und die teuren Parkhäuser verzichten. Internetanbieter erreichen Kunden in Stadt und Land gleichermassen guten, auch an Sonn- und Feiertagen, an denen die Menschen die meiste Zeit für Freizeitaktivitäten haben. Die Betreiber der stationären Videotheken konnten mit keiner Massnahme gegen die Streamingdienste gewinnen. Mit ihrem Geschäftsmodell hatten sie von Anfang nicht den Hauch einer Chance. Disruption, Zerreissung der Branche war das Ergebnis. Wir glauben, dass es den Banken und anderen herkömmlichen Finanzdienstleistern sehr ähnlich, wenn nicht genauso gehen wird. Sie können rationalisieren, reorganisieren, verschlanken, verdünnen und optimieren, wie sie wollen. Gegen mit Lichtgeschwindigkeit und praktisch ohne Personal, noch dazu weltweit arbeitende dezentrale Geldstreamingdienste haben sie kaum den Hauch einer Chance. Einige wenige Banken könnten, sehr viel kleiner als bisher, überleben. Die Printmedien haben es vorgemacht. Sie standen auch mit einem Bein im Grab. Sie konnten nur deswegen – knapp – überleben, weil sie die Online-Portale für Stellen und Immobilien aufgekauft haben, die ihnen zuvor das Anzeigengeschäft praktisch vollkommen abgenommen hatten.
Banken und andere etablierte Finanzdienstleister haben – vielleicht – eine Chance. Nämlich dann, wenn sie einige der attraktiven und ertragsstarken DiFi-Applikationen irgendwie unter ihre Kontrolle bekämen. Ziemlich schwierig bei einem im schnellen Flug befindlichen Bienenschwarm. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass Banken mit ihrem alten Geld hier oder dort eine kleine Cryptobank aufkaufen. Z. Zt. gibt es allerdings wohl kaum ein halbes Dutzend davon.
Hören die Banken die Signale nicht? Gewiss, Banken sind systemrelevant. Noch muss man sagen. Digitale Zentralbankwährungen reduzieren diese Relevanz allerdings bald in die Nähe von Null. Zahlungen, Sparen, Kredite, Wertpapiere etc. werden in der Zukunft ganz oder zu sehr grossen Teilen über Cryptoapplikationen möglich sein. Kreditkartenanbieter bieten bereits Zahlungen mit verschiedenen grossen Cryptowährungen an. Der Kunde kauft Crypto über die Kreditkarte, zahlt in Crypto, der Zahlungsempfänger erhält die gewünschte Währung, Dollar oder was auch immer. Girokonten der Banken sind, noch, das letzte Glied in der Kette mit sehr geringer Wertschöpfung. Ein weiteres drastisches Beispiel für das Versagen, ja Verschlafen der Banken sind Unternehmen wie PayPal. Wer wäre bezüglich des Kundenvertrauens besser aufgestellt gewesen, die Funktion des Zahnlungsintermediärs im anonymen online-Geschäft zu übernehmen als solide Banken? Warum haben sie dieses Geschäftsfeld anderen überlassen? Die Antwort: Sie waren in inzüchtigem Branchendenken verstrickt. „Zahlungsverkehr ist nicht interessant ...“ PayPal dankte. Und seit kurzem können, wie erwähnt, die knapp 300 Mio. (!) Kunden von PayPal nicht nur Crypto kaufen, lagern und verkaufen. Nunmehr kann auch jede Zahlung in Crypto bewirkt werden. Vermutlich werden die Banken hier nie mehr richtig einen Fuss an den Boden bringen.
Fazit:
Die Disruption ganzer Geschäftsmodelle und ihrer Brachen geht heute allerdings bereits weit über die Finanzdienstleistungen hinaus. Die nächste grosse gefährdete Branche könnten die Immobilien sein. Sodann der internationale Warenverkehr mit den hochkomplexen Lieferketten, um nur zwei nennen. Blockchain-Anwendungen werden den stationären Banken schnell weite Teile ihrer Geschäftsfelder wegnehmen. Die Zahl der Bankfilialen wird sich weiter rasch verringern. Und ziemlich sicher werden auch einige heute noch grossen Banken untergehen. Oder als ein Schatten vergangener Glorie klein und unbedeutend weiterleben.
Lesen Sie im nächsten Artikel in 2 Wochen:
Werden die Börsen in Zeiten der Token und Kryptowährungen an Bedeutung verlieren?

